Buchrezension: „Peter Thiel: Palantir, der KI-Gott und das Ende des Menschen“ von Tahir Chaudhry und Tariq Hübsch (Grenzgänger Verlag, 288 Seiten)

Für die meisten Menschen spielt ihre Weltanschauung eine zentrale Rolle bei der Interpretation gesellschaftlicher Entwicklungen, der Orientierung des eigenen Handelns sowie der Sinnstiftung. Weltanschauungen sind komplexe kognitive und kulturelle Gebilde, die teils aus persönlichen Erfahrungen, teils aus historisch, politisch und gesellschaftlich vermittelten Deutungsmustern hervorgehen. Während die Weltanschauung der Menschen in der westlichen Welt über Jahrhunderte hinweg maßgeblich religiös und metaphysisch geprägt war, verlagerte sich der Fokus seit der Aufklärung zunehmend auf naturwissenschaftliche, technische und materielle Erklärungsmodelle. Die Naturwissenschaftler der Aufklärung waren sich im Allgemeinen darüber bewusst, dass die physikalische, also quantitative Beschreibung der Phänomene zwar ein nützliches Werkzeug, aber nicht zur Beschreibung der metaphysischen Struktur der Wirklichkeit geeignet ist, jedoch kam es aufgrund politischer Einflussnahme des wohlhabenden Bürgertums während den Umwälzungen der industriellen Revolution bald dazu, dass quantitative Beschreibungen und Messgrößen zur Wirklichkeit erklärt wurden. Der Physikalismus beziehungsweise Materialismus, welcher ursprünglich nie als metaphysische Hypothese gedacht war, setzte sich als neue Weltanschauung durch (1). Dieses Weltbild besagt im Kern, dass alles, was existiert, aus kleinsten messbaren Teilchen besteht und damit auch der Mensch nichts anderes als ein seelenloses biophysikalisches System ist, dessen Bewusstsein durch biochemisch-elektrische Prozesse im Gehirn erzeugt wird. Parallel dazu verloren traditionelle religiöse und metaphysische Sinnangebote für viele Menschen an gesellschaftlicher Bindekraft. Technischer Fortschritt, Konsum und die Vorstellung permanenter Optimierung traten zunehmend an ihre Stelle, konnten jedoch die existenziellen Fragen nach Sinn, Sterblichkeit und Transzendenz vielfach nicht vollständig ersetzen; der Soziologe Kingsley L. Dennis spricht in diesem Zusammenhang von einer spürbaren metaphysischen Leere (2).

Vor diesem Hintergrund erscheint der Transhumanismus für manche Beobachter als eine Art techno-utopisches Erlösungsnarrativ der Moderne, also die Vorstellung, der Mensch könne mithilfe technologischer Innovationen seine biologischen Begrenzungen überwinden, Leid und Tod reduzieren und seine Evolution künftig selbst gestalten (3, 4). Tatsächlich verstand der Evolutionsbiologe, Eugeniker und Atheist Julian Huxley, der den Begriff „Transhumanismus“ 1957 prägte, diesen auch im Zusammenhang einer zukünftigen, auf Wissenschaft basierenden neuen Religion (5). Doch wer steht an der Spitze der neuen Religion, wer ist der Verwalter, welcher die Glaubenssätze festlegt, verkündet und sich um die Finanzierung kümmert? Es ist vor allem eine kleine heterogene Gruppe von superreichen Eliten aus dem Silicon Valley, die in ihrem Glauben an die Befreiung durch Technologie vereint sind — und in ihrem Bestreben, mittels dieser Religion Kontrolle und Macht zu erlangen. Einige von ihnen, wie Bill Gates oder Elon Musk, sind den Bürgern zumindest vom Namen her bekannt, während anderen bisher kaum mediale Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Einem der letzteren Gruppe angehörenden Transhumanisten wurde nun ein ganzes Buch gewidmet. Die Rede ist von Peter Thiel.

Das Buch „Peter Thiel: Palantir, der KI-Gott und das Ende des Menschen“ erschien Ende April 2026 als erstes Buch des neu gegründeten Grenzgänger Verlags (6). Es wurde gemeinsam von dem Journalisten und Filmemacher Tahir Chaudhry und dem Politologen Tariq Hübsch verfasst. Beide Autoren steuerten abwechselnd je ein Vor- und Nachwort und vier Kapitel zu dem Buch bei. Dabei beleuchtet jeder Autor die unterschiedlichen Facetten Peter Thiels und der Ideologie des Transhumanismus mit seiner persönlichen Expertise und Sichtweise. Dank des narrativen Erzählstils beider Autoren liest sich das Buch sehr flüssig, und die einzelnen Kapitel fügen sich nach und nach zu einer kohärenten Gesamtdarstellung zusammen. Das Material, das die beiden verwerteten, besteht vor allem aus öffentlich zugänglichen Interviews, Medienberichten und Blogs, aber auch Büchern und einer Eigenrecherche von Tahir Chaudhry. Akademische Fachliteratur wird dagegen nur punktuell herangezogen. Dennoch bietet das Buch insbesondere Lesern aus den Bereichen Politikwissenschaft, Technikphilosophie oder KI-Ethik interessante Perspektiven, die in akademischen Debatten bislang eher randständig behandelt werden. Allgemein möchte ich schon jetzt vorwegnehmen, dass ich das Buch uneingeschränkt für jeden empfehlen kann, der sich für die soeben erwähnten Themen interessiert — und das sollten wir alle, denn sie beeinflussen inzwischen maßgeblich unser Leben. Auch wenn manche Thesen spekulativ wirken und bei einigen Lesern auf Ablehnung stoßen werden, ist den Autoren eine anregende und provokative Analyse gegenwärtiger technologischer Machtstrukturen gelungen.

Die Kernaussagen, die Chaudhry und Hübsch zu belegen suchen, sind zweierlei. Erstens, dass Peter Thiels Menschenbild und politisches Denken in Verbindung mit seinem ökonomischen Einfluss erhebliche gesellschaftliche Folgen haben könnte. Zweitens, dass die Art von Transhumanismus, die Thiel und andere aus seinem Umfeld vertreten, tatsächlich einer Art moderner Religion entspricht, die der Masse Erlösung von menschlichen Limitationen verspricht, aber in Wahrheit eingesetzt wird, um eine Technokratie zu installieren und absolute Kontrolle über Mensch und Natur zu erlangen.

Doch wer ist Peter Thiel überhaupt? Die kurze Antwort liefert Tahir Chaudhry auf Seite 88 des Buchs: „Peter Thiel ist ein Transhumanist mit viel Geld, der in Zukunftstechnologien investiert.“ Das Buch rekonstruiert darüber hinaus ausführlich Thiels Biografie, sein ideologisches Umfeld und seine politischen sowie wirtschaftlichen Netzwerke. Diskutiert werden unter anderem Verbindungen zu Akteuren wie Elon Musk, JD Vance oder Curtis Yarvin, einer der derzeit wichtigsten postliberalen und antidemokratischen Ideologen der USA (7). Als Teil seiner Recherche besuchte Chaudhry, wie er in Kapitel 1 beschreibt, den *Vibe-Space-SF-Event* im Frontier Tower in San Francisco, einem futuristischen Turm mit 16 Stockwerken, der zum Netzwerken für Anhänger des Transhumanismus und Science-Fiction-inspirierter Ideen gedacht ist. Bei diesem Event ging es um konkrete Ansätze, wie man mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI) eine neue Welt aufbauen kann. So gab es Workshops und Vorträge zu Themen wie Cyborgs, menschlicher Optimierung durch Nutzung von aus Menstruationsblut gewonnenen Stammzellen oder Versuchen, den Alterungsprozess aufzuhalten, bis hin zu der Idee, Schwangerschaften zukünftig in einem künstlichen Uterus außerhalb des Körpers „auszutragen“. Der Leser bekommt hier schon eine erste Vorstellung, worum es in dem Weltbild geht, das man auch als „starken Transhumanismus“ bezeichnen könnte. Gleichzeitig wird hier bereits deutlich, dass die Anhänger eines solchen Transhumanismus offenbar versuchen, „eine neue Religion für spirituell Heimatlose zu finden“ (Seite 41).

Im zweiten Kapitel liefert Tariq Hübsch einen kurzen Abriss der Geschichte des Transhumanismus, die einige interessante Details enthält, welche man in akademischen Abhandlungen nicht findet (8). Demnach erwuchs die transhumanistische Bewegung aus der Wissenschaft der Kybernetik, welche seit ihren Anfängen — mit oder ohne Mitwissen ihrer führenden Vertreter — eng mit dem militärisch-industriellen Komplex verwoben war. In der Kybernetik geht es um die Steuerung und Regelung von biologischen, sozialen und künstlichen Systemen, was sie zu einer transdisziplinären Wissenschaft mit Aspekten der Anthropologie, Biologie, Mathematik, Physik, Ingenieurs- und Computerwissenschaft, Soziologie und Psychologie macht, die philosophisch eng mit systemischem Denken verknüpft ist (9, 10). Wie Hübsch darlegt, war ein Großteil der aus den Human- und Geisteswissenschaften stammenden Teilnehmer der frühen einflussreichen Kybernetik-Konferenzen auch in der LSD- und Bewusstseinsforschung tätig. An der Wirkung dieser Droge bestand nicht nur akademisches Interesse, sondern ganz klar auch ein Interesse seitens der Geheimdienste. Hübsch erläutert, wie die CIA LSD im Rahmen ihres MK-Ultra-Projekts nutzte, um Menschen mittels menschenverachtender Experimente zu „willenlosen Robotermenschen“ (Seite 56) zu machen. Und dazu nutze sie — oftmals ohne deren Mitwissen — die Wissenschaftler, die sich im Rahmen der Kybernetik mit psychedelischen Drogen beschäftigten. Die Verbindung zum Silicon Valley sieht Tariq Hübsch in der Hippie-Bewegung der 1960er, die wiederum ein Destillat der MK-Ultra- und Kybernetik-Forschung zu LSD war. Die Hippies dienten teilweise als Versuchskaninchen, und Leute wie Aldous Huxley, der Bruder des oben zitierten Julian Huxley, heuerten offenbar renommierte LSD-Forscher und Influencer der Hippie-Bewegung für die CIA an. Das Ziel war, die Evolution der Massen durch psychedelische Substanzen zu beeinflussen, „um die Lossagung von der Religion (und) die gezielte Infiltrierung der kulturellen Elite, welche wiederum die Massen in die gewünschte Richtung lenken soll,“ zu erreichen (Seite 65). Später wurden viele Hippies im Silicon Valley von Unternehmen der Computerindustrie angeheuert, da sie für ihre kreative Denkweise geschätzt wurden. Laut Hübsch entstand dadurch nach und nach der Mythos einer aus einer Gegenkultur hervorgegangenen Religion, in deren Zentrum Technologie und bewusstseinserweiternde Drogen standen. Hübsch spekuliert über die Möglichkeit, dass diese Entwicklung von der CIA als Fortsetzung des MK-Ultra-Programms vorangetrieben wurde, welches nun mehr und mehr auf private elektronische Geräte, das Internet und soziale Medien setzte, um die Massen unbemerkt zu manipulieren. Und die religiöse Erzählung, die der Transhumanismus bietet, passe hervorragend ins Bild, um, wie oben bereits erwähnt, das Verlangen der Menschen nach Erlösung zu stillen.

Einige dieser Zusammenhänge erscheinen plausibel und historisch interessant; andere wirken stellenweise eher assoziativ als streng historisch belegt. Hier wäre eine stärkere Differenzierung zwischen dokumentierten historischen Fakten und interpretativer Deutung wünschenswert gewesen.

Im achten und letzten Kapitel des Buches setzt sich Hübsch kritisch mit dem derzeitigen Hype um die KI auseinander, von den negativen Folgen für die psychosoziale Gesundheit, insbesondere von Kindern, bis zur Analogie der Anbetung eines KI-Gottes. Damit verknüpft ist die Vorstellung vieler Eliten inklusive Peter Thiel, dass in nicht allzu ferner Zukunft eine Super-KI auf die Welt kommen wird, die wie Gott allwissend, allmächtig und schöpferisch tätig sein wird — natürlich nur zum Wohl des Menschen, der im besten Fall mit der KI verschmelzen und damit quasi in Gott aufgehen wird. Kingsley L. Dennis beschreibt in seinem Buch „The Threshold“ eine ähnliche Analogie: „Der neue säkulare Techno-Materialismus beinhaltet als Hauptnarrativ eine technokratische Regierung, und aus seiner zugehörigen Religion des Transhumanismus entspringt die neue Priesterschaft von Tech-Eliten und Milliardären. Zusammen etablieren sie den Führungsapparat der Technokratie — das moderne totalitäre Regime, das sich als eine Art von neuer globaler Behörde des 21. Jahrhunderts ausgibt“ (Seite 46 in (2), eigene Übersetzung).

Peter Thiel ist zweifelsfrei einer dieser Technokraten, die mittels KI und technologischer Innovationen aus der Konvergenz von Nanotechnologie, Biotechnologie, Informationstechnik, und Kognitionswissenschaft — den sogenannten NBIC-Wissenschaften — nicht nur selbst maximal lange leben, sondern gleichzeitig auch Kontrolle und Macht ausüben möchte. Thiels Biografie, sein Werdegang und seine geschäftlichen und politischen Netzwerke werden in den Kapiteln 3 bis 7 des Buches beschrieben. Thiel erscheint als entwurzelte Person: Als Kind und Jugendlicher musste er mit seiner aus Deutschland stammenden Familie permanent umziehen und lebte wechselweise in den USA und Afrika. Seine Jugend verbringt er in Kalifornien, wo er sich mit besonderen schulischen Leistungen hervortut, gleichzeitig aber auch sozial unter den vielen Schulwechseln leidet. Worauf Chaudhry und Hübsch intensiv eingehen, ist Thiels privater Rückzug in Science-Fiction- und Fantasy-Welten, wobei insbesondere das Rollenspiel Dungeons & Dragons und die Welt Mittelerde aus „Herr der Ringe“ einen besonderen Einfluss auf Thiel zu haben schienen. Seine prägende Zeit war Thiels Studium der Philosophie des 20. Jahrhunderts an der Stanford-Universität. Dort knüpft er viele Kontakte, die später in seinem Netzwerk wiederauftauchen werden; er wird politisiert und entwickelt, beeinflusst von den Philosophen René Girard, Leo Strauss und Carl Schmitt, ein tiefes Misstrauen gegenüber demokratischen Institutionen und der breiten Masse.

In Kapitel 4 bespricht Tariq Hübsch anhand eines Aufsatzes namens „The Straussian Moment“, den Thiel 2007 in dem Buch „Politics & Apocalypse“ veröffentlicht hat (11), im Detail, wie „Peter Thiel einzelne theoretische Elemente (dieser Philosophen) für seine eigenen Zwecke nutzt und sie selektiv umdeutet“ (Seite 130). Die versteckte Absicht in seinem Aufsatz liegt laut Hübsch darin, den Aufbau von technologischen Überwachungs- und Verteidigungssystemen und den Abbau liberaler demokratischer Strukturen zu legitimieren. Im Jahr 2009 schrieb Thiel in einem Essay für das Cato Institute, dass Freiheit und Demokratie in der Tat nicht kompatibel seien (12). Er sieht keine Freiheit in Demokratie und freien Märkten, sondern in neuen Technologien, die die Erschließung neuer Räume erlauben sollen: Cyberspace, Weltraum und schwimmende Siedlungen auf dem Meer.

Auch bei der Interpretation von „Herr der Ringe“ ist Thiel sehr selektiv und ignoriert viele Dinge, die nicht in sein Weltbild passen. Dieses Epos, in welchem einfache Bürger zu Helden werden und der Technologiewahn als böse und vernichtend dargestellt wird, wie es der Heilpraktiker Florian Schilling in einem sehenswerten Video darstellt (13), wird von Thiel so ausgelegt, dass er die aus dem Osten kommenden Orks als Feindbild auf die Bedrohung durch den Islam projiziert. Thiel verehrt die Unsterblichkeit und Magie der Elben, die er mittels Technologie nachzuahmen sucht.

Insgesamt ist Thiels Weltbild mit seinen Investitionen und Projekten konsistent, welche Tahir Chaudhry in Kapitel 7 zusammenstellt. Dazu gehören zum Beispiel Facebook und Airbnb (Plattformökonomie, Steuerung von Verhalten), PayPal und Stripe (digitale Zahlungsinfrastruktur, Kontrolle über Geldströme), Palantir und Clearview AI (Datenfusion, Gesichtserkennung und Überwachung), Anduril Industries (autonome Waffensysteme), Neuralink (Gehirn-Computer-Schnittstelle), Space X (Raumfahrt) oder Methuselah Foundation, SENS Research Foundation und Alcor (Lebenszeitverlängerung und Kryotechnik). Sein Weltbild beinhaltet auch die religiöse Vorstellung, dass wir uns in einem epischen Endspiel befinden, kurz vor der Apokalypse. Er warnt öffentlich vor dem Auftreten des Antichristen, den er politisch mit dem totalitären Einheitsstaat, theologisch mit dem „Hyperchristen“, der besser sein möchte als Christus selbst, identifiziert (14). Er sieht in den USA die mögliche Rolle des Katechon, des Aufhalters des totalitären Einheitsstaates, und in der Technologie die Rolle des Erlösers. Doch auch hier erkennt man wieder die selektive, eigentlich zum ursprünglichen Sinn konträre Wahrnehmung Thiels. Denn schließlich schafft er durch seine Monopole und Projekte die Grundlage zur Verwirklichung eines totalitären, technokratischen Systems. In einem sehr lesenswerten Nachwort setzt sich Tariq Hübsch im Detail mit dieser Paradoxie auseinander und kommt — ähnlich wie manche katholischen Theologen (14) — zu dem Schluss, dass Thiel selbst vieles von der Person verkörpert, vor der er warnt.

Danksagung

Der Autor dankt Dr. Christopher Germann für wertvolles Feedback zu dieser Rezension.

Diese Rezension erschien zuerst bei Manova News.

Quellen

(1) Kastrup B.: Analytic Idealism in a Nutshell: A Straightforward Summary of the 21st Century’s only Plausible Metaphysics. 1. Aufl. Winchester, UK: Iff Books; 2024

(2) Dennis KL.: The Threshold: The Forces of Techno-Materialism and the Struggle for Humanity’s Soul. 1. Aufl. London, UK: Aeon Books; 2025

(3) Huxley J.: Transhumanism (orig. 1957). J Humanist Psychol 1968; 8: 73–76. doi:10.1177/002216786800800107

(4) Bostrom N.: Human genetic enhancements: A transhumanist perspective. J Value Inq 2003; 37: 493–506. doi:10.1023/B:INQU.0000019037.67783.d5

(5) Dunér I.: Julian Huxley, Evolutionism and the History of Transhumanism. 1. Aufl. Cham, Switzerland: Palgrave Macmillan; 2025

(6) Chaudhry T., Hübsch T.: Peter Thiel: Palantir, der KI-Gott und das Ende des Menschen. 1. Aufl. München: Grenzgänger Verlag; 2026

(7) Rosenberg J.: Reactionary bricolage: Curtis Yarvin and postliberalism. Theory Cult Soc 2026; doi:10.1177/02632764251407509

(8) Bostrom N.: A history of transhumanist thought. J Evol Technol 2005; 14: 1

(9) Montuori A.: Gregory Bateson and the promise of transdisciplinarity. Cybern Hum Knowing 2005; 12: 147-158(12)

(10) Mingers J.: Systems Thinking, Critical Realism and Philosophy: A Confluence of Ideas. 1. Aufl. New York: Routledge; 2014

(11) Thiel P.: The Straussian Moment. In: Hamerton-Kelly R, Hrsg. Politics and Apocalypse. Michigan: Michigan State University Press; 2007: 189–218

(12) Thiel P.: The education of a libertarian. Cato Unbound 2009; 2009/4; Im Internet: https://www.cato-unbound.org/2009/04/13/peter-thiel/education-libertarian

(13) Schilling F. :Herr der Ringe. YouTube 2025; Im Internet: https://www.youtube.com/watch?v=CoNYh_6HPqs; Stand: 19.05.2026

(14) Mallmann B.: „Wir sollten uns mehr um den Antichrist sorgen …“ Eine kleine Erzählung von Peter Thiel. Communio 2025; Im Internet: https://www.herder.de/communio/gesellschaft/eine-kleine-erzaehlung-von-peter-thiel-wir-sollten-uns-mehr-um-den-antichrist-sorgen-

Buchrezension: „Jesus in the Talmud“ von Peter Schäfer (Princeton University Press 2007, 210 Seiten)

Der Talmud ist die Grundlage für das jüdische Religions- und Zivilrecht und entstand zwischen dem dritten und sechsten Jahrhundert der heutigen Zeitrechnung als Sammlung von teils wesentlich älteren mündlich überlieferten Gesetzesregeln (der sogenannten Mischna) und deren Auslegung in Kommentaren (der sogenannten Gemara) [1]. Streng genommen gibt es nicht den einen Talmud, sondern zwei Versionen: eine Sammlung aus Palästina bzw. Jerusalem und eine aus dem alten Persien (Babylon), die beide dieselbe Mischna, aber jede ihre eigene Gemara enthalten. Der babylonische Talmud, auch als Bavli bezeichnet, hat eine größere Bedeutung, da die rabbinischen Akademien in Persien wesentlich länger Bestand und Einfluss hatten als die in Palästina, doch auch der babylonische Talmud erfuhr über die Jahrhunderte signifikante Veränderungen in Form von Ergänzungen und Streichungen [2]. Entsprechend der räumlich-zeitlich ausgedehnten Entstehungszeit ist es nicht verwunderlich, dass die Inhalte des Talmud von verschiedenen kulturellen Einflüssen wie der spätantiken griechisch-römischen, persischen, syrischen oder christlichen Literatur geprägt waren [3]. Aus christlicher Sicht ist insbesondere der Einfluss des aufstrebenden Christentums und der Evangelien auf die Inhalte des Talmud interessant.

Das Buch „Jesus in the Talmud“, geschrieben von dem deutschen Professor für Judaistik Dr. phil. Peter Schäfer und 2007 von Princeton University Press veröffentlicht [4], untersucht systematisch die Stellen im Talmud, die sich (relativ) sicher oder möglicherweise auf Jesus von Nazareth beziehen, und ordnet sie historisch sowie kulturell-literarisch ein. Schäfer geht von der Beobachtung aus, dass im Talmud verstreute, oft schwer verständliche und negativ gefärbte Aussagen über Jesus vorkommen. Ziel ist es, diese nicht isoliert, sondern im Kontext der jüdisch-christlichen Auseinandersetzung der Spätantike zu verstehen. Seine wichtigste These lautet dabei: Die talmudischen Jesus-Erzählungen sind keine historischen Berichte, sondern bewusste Gegenreaktionen auf das Christentum. Sie greifen Motive aus den Evangelien auf, verdrehen oder parodieren sie gezielt und dienen dazu, jüdische Positionen gegen christliche Ansprüche zu verteidigen.

Methodisch stützt sich Schäfer vor allem auf verschiedene Ausgaben und Textfragmente des babylonischen Talmud, welche zwischen dem späten 12. Jahrhundert und der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts verfasst wurden. Leider fand ab dem 13. Jahrhundert durch den Druck der katholischen Kirche eine starke Zensur des Talmuds statt, welcher viele Jesus-Passagen zum Opfer fielen (wie Bernhard Pick in einem Aufsatz aus dem Jahr 1910 erwähnt, wurden diese Passagen dann trotzdem in separaten Schriftstücken anonym weiter publiziert [5]). Schäfer übersetzt die einzelnen Passagen aus dem Original teilweise selbst, zieht Vergleiche zwischen den unterschiedlichen Talmud-Versionen, ordnet sie thematisch entlang der „Lebensgeschichte“ Jesu (von der Geburt über sein Wirken bis hin zum Tod und Nachleben) und analysiert sie schließlich. Dabei werden die Texte in den Kontext zu anderen Schriften wie dem palästinensischen Talmut, den fünf Büchern Mose (Torah) und den Evangelien gesetzt. Schäfer zeigt, dass Jesus in diesen Texten des babylonischen Talmuds durchgehend negativ dargestellt wird. Insgesamt entsteht so ein bewusstes Gegenbild zum Neuen Testament:

  • Geburt: Die jungfräuliche Geburt wird verspottet. Jesu Mutter, eine Frau mit langen Haaren namens Miriam, wird als treulose Ehefrau bzw. Hure dargestellt, und Jesu Vater sei ein Mann namens Panthera bzw. Pandera gewesen (möglicherweise ein römischer Soldat). Auf Seite 98 verweist Schäfer explizit auf die Rückwärts-Verdrehung der Buchstaben „r“, „th“ und „n“ des Wortes parthenos (Jungfrau) zu pantheros (Panther).
  • Persönlichkeit: Jesus wird nicht als Messias oder Gottessohn, sondern als moralisch schlechter Mensch und Götzendiener dargestellt, der seine Sexualität freizügig auslebt.
  • Wirken: Seine Wunder und Fähigkeiten als Heiler werden – ebenso wie die seiner Jünger – anerkannt, aber als Täuschung und/oder Magie interpretiert.
  • Tod: Jesus wird gesteinigt und dann gehängt. Seine Verurteilung durch jüdische Richter wird nicht nur nicht geleugnet, sondern als gerechte Strafe für die Ausübung von Zauberei und Blasphemie dargestellt. Instone-Brewer [6] argumentiert sogar dafür, dass diese beiden Anschuldigungen tatsächlich auch den historischen Fakten entsprechen.
  • Nachleben: Statt Auferstehung wird seine Bestrafung in der Hölle betont, wo er auf alle Ewigkeit in kochenden Exkrementen verbrennt. In der entsprechenden Passage wird Jesus zusammen mit zwei anderen Erzfeinden Israels erwähnt: Titus, der als Feldherr im Jahr 70 n. Chr. den zweiten Tempel in Jerusalem zerstören lies, und Balaam (Bileam), der heidnische Prophet, der vom König von Moab beauftragt wurde, Israel zu verfluchen, was Gott aber dreimal in einen Segen umwandelte (Num 23-24 [7]).

Eine Kernaussage Schäfers ist, dass die Rabbiner offenbar christliche Überlieferungen kannten, insbesondere das Evangelium des Johannes. Das Johannesevangelium ist das „judenfeindlichste“ der vier Evangelien der Bibel (siehe z.B. Joh 8:30-47, wo Jesus im Streitgespräch mit den Juden argumentiert, diese würden vom Teufel abstammen). Die Jesus-Passagen im Talmud spiegeln die Leitmotive der Evangelien in umgekehrter Form wider:

  • Die Auferstehung wird geleugnet; stattdessen muss Jesus in der Hölle in Exkrementen verbrennen
  • Anstelle seiner göttlichen Herkunft und Geburt durch die Jungfrau Maria entspringt Jesus einer unehelichen Geburt
  • Anstelle des heiligen Lehrers wird Jesus als falscher Prophet, Götzenanbeter und Zauberer dargestellt

Diese Texte sind daher polemische „Gegen-Erzählungen“, nicht zufällige Legenden. Zur Erklärung, warum Jesus insbesondere im babylonischen Talmud so schlecht gemacht wird, betont Schäfer die kulturellen Hintergründe der Entstehungsgeschichten der beiden Talmud-Versionen. Der babylonische Talmud entstand im Perserreich, welches damals als Staatsreligion den Zoroastrismus (auch Zarathustrismus genannt) hatte. Dort wurden Christen stärker unterdrückt als Juden, so dass die relativ freie jüdische Gelehrtenkultur offene Kritik am Christentum üben konnte, ohne Angst vor Bestrafung haben zu müssen. Palästina dagegen stand ab 324 n. Chr. unter christlicher Herrschaft von Kaiser Konstantin, so dass im palästinischen Talmud viel weniger Jesus-Passagen und direkte Angriffe auf Jesus zu finden sind. Zudem wurden im Mittelalter, wie bereits erwähnt, viele Jesus betreffende Stellen im babylonischen Talmud durch die von der katholischen Kirche auferlegte Zensur entfernt oder verändert, was ihre Rekonstruktion erschwert – dennoch argumentiert Schäfer anhand der erhaltenen unzensierten Textfragmente dafür, dass die allerersten Versionen des Talmud bereits mehrere Verweise auf das Leben und Wirken Jesu enthielten.

Das zentrale Fazit Schäfers lautet, dass der Talmud keine verlässlichen historischen Informationen über Jesus liefert, worauf auch schon Bernhard Pick 1910 hingewiesen hat [5]. Vielmehr spiegelt der Talmud wider, wie jüdische Gelehrte das Christentum wahrnahmen und sich intellektuell dagegen abgrenzten. Das macht Schäfer’s Buch zu einer sehr interessanten Lektüre nicht nur für Religionswissenschaftler, sondern für jeden Christen oder spirituellen Menschen, der sich für die Person Jesus interessiert (und damit auch Muslime, welche Jesus als Propheten sehr hoch schätzen [8]). Die einzelnen Kapitel des Buches lassen sich zügig lesen und sind mit ein bisschen Bibelwissen und kleiner Begriffsrecherche auch für Laien (wie ich einer bin) verständlich. Es existiert auch eine deutsche Ausgabe im Mohr Siebeck Verlag [9]. Für mich machte die Lektüre deutlich, dass das Christentum und Judentum grundsätzlich nicht vereinbar sind. Die Verhöhnung der Person Jesus im Talmud ist der klare Versuch einer Spaltung durch die damalige jüdische Elite und basiert nicht zuletzt darauf, dass dieser die Lehren des alten Testaments und seines rachsüchtigen, rassistischen Gottes komplett auf den Kopf stellte, indem er Demut, Nächstenliebe und Vergebung gegenüber allen Menschen predigte.

Schäfer’s Analyse wirft natürlich auch die Frage auf, wie heutige jüdische Führungspersönlichkeiten die christlich geprägte westliche Welt sehen. Schließlich wird der Talmud auch heute von orthodoxen israelischen Politikern für bare Münze genommen und prägt durch deren Einfluss Israels Politik. Die Beantwortung dieser Frage lass ich offen, aber die aktuellen politischen Geschehnisse deuten an, dass viele politische Führer mit ihrer Denkweise in Antike und Mittelalter stecken geblieben sind.

Quellenangaben

[1]      Mikliszanski JK. Review: The Talmud in the Making. Jewish Q Rev 1945; 35: 437–444

[2]      Lieberman S. The Talmud. Yale University Library 2001; Im Internet: https://web.library.yale.edu/cataloging/hebraica/about-judaic-texts; Stand: 08.04.2026

[3]      Goldstone M. The Babylonian Talmud in its cultural context. Relig Compass 2019; 13: e12317. doi:10.1111/REC3.12317

[4]      Schäfer P. Jesus in the Talmud. 1. Aufl. Princeton, New Jersey: Princeton University Press; 2007

[5]      Pick B. The personality of Jesus in the Talmud. Monist 1910; 20: 4–32

[6]      Instone-Brewer D. Jesus of Nazareth’s trial in the uncensored Talmud. Tyndale Bull 2011; 62: 269–294

[7]      Die Bibel. Augsburg: Verlagsgruppe Weltbild GmbH; 2005

[8]      Djaballah A. Jesus in Islam. South Baptist J Theol 2004; 8: 14–30

[9]      Schäfer P. Jesus im Talmud. 3. Aufl. Tübingen: Mohr Siebeck; 2017

 

Comments to my realist review on ketogenic diets for cancer patients

Recently, I had the honor to correspond with Dr. Prasanta Bandyopadhyay about my realist review of ketogenic diets (KDs) for cancer patients (Beneficial effects of KDs for cancer patients (Klement 2017)). Dr. Bandyopadhyay is a professor of Philosophy in the Department of History, Philosophy, and Religious Studies at Montana State University, USA (check out his homepage here). Together with Gordon Brittan Jr. and Mark L. Taper he has written one of the most inspiring books I have recently read: Belief, Evidence and Uncertainty – Problems of Epistemic Inference. In my review, I had taken the concepts of evidence and confirmation developed in this book to summarize the available evidence for any putative anti-tumor effects of KDs in cancer patients and whether we should believe that such effects are “real” (in the sense of occurring in real world settings). Continue reading

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