Buchrezension: „Jesus in the Talmud“ von Peter Schäfer (Princeton University Press 2007, 210 Seiten)

Der Talmud ist die Grundlage für das jüdische Religions- und Zivilrecht und entstand zwischen dem dritten und sechsten Jahrhundert der heutigen Zeitrechnung als Sammlung von teils wesentlich älteren mündlich überlieferten Gesetzesregeln (der sogenannten Mischna) und deren Auslegung in Kommentaren (der sogenannten Gemara) [1]. Streng genommen gibt es nicht den einen Talmud, sondern zwei Versionen: eine Sammlung aus Palästina bzw. Jerusalem und eine aus dem alten Persien (Babylon), die beide dieselbe Mischna, aber jede ihre eigene Gemara enthalten. Der babylonische Talmud, auch als Bavli bezeichnet, hat eine größere Bedeutung, da die rabbinischen Akademien in Persien wesentlich länger Bestand und Einfluss hatten als die in Palästina, doch auch der babylonische Talmud erfuhr über die Jahrhunderte signifikante Veränderungen in Form von Ergänzungen und Streichungen [2]. Entsprechend der räumlich-zeitlich ausgedehnten Entstehungszeit ist es nicht verwunderlich, dass die Inhalte des Talmud von verschiedenen kulturellen Einflüssen wie der spätantiken griechisch-römischen, persischen, syrischen oder christlichen Literatur geprägt waren [3]. Aus christlicher Sicht ist insbesondere der Einfluss des aufstrebenden Christentums und der Evangelien auf die Inhalte des Talmud interessant.

Das Buch „Jesus in the Talmud“, geschrieben von dem deutschen Professor für Judaistik Dr. phil. Peter Schäfer und 2007 von Princeton University Press veröffentlicht [4], untersucht systematisch die Stellen im Talmud, die sich (relativ) sicher oder möglicherweise auf Jesus von Nazareth beziehen, und ordnet sie historisch sowie kulturell-literarisch ein. Schäfer geht von der Beobachtung aus, dass im Talmud verstreute, oft schwer verständliche und negativ gefärbte Aussagen über Jesus vorkommen. Ziel ist es, diese nicht isoliert, sondern im Kontext der jüdisch-christlichen Auseinandersetzung der Spätantike zu verstehen. Seine wichtigste These lautet dabei: Die talmudischen Jesus-Erzählungen sind keine historischen Berichte, sondern bewusste Gegenreaktionen auf das Christentum. Sie greifen Motive aus den Evangelien auf, verdrehen oder parodieren sie gezielt und dienen dazu, jüdische Positionen gegen christliche Ansprüche zu verteidigen.

Methodisch stützt sich Schäfer vor allem auf verschiedene Ausgaben und Textfragmente des babylonischen Talmud, welche zwischen dem späten 12. Jahrhundert und der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts verfasst wurden. Leider fand ab dem 13. Jahrhundert durch den Druck der katholischen Kirche eine starke Zensur des Talmuds statt, welcher viele Jesus-Passagen zum Opfer fielen (wie Bernhard Pick in einem Aufsatz aus dem Jahr 1910 erwähnt, wurden diese Passagen dann trotzdem in separaten Schriftstücken anonym weiter publiziert [5]). Schäfer übersetzt die einzelnen Passagen aus dem Original teilweise selbst, zieht Vergleiche zwischen den unterschiedlichen Talmud-Versionen, ordnet sie thematisch entlang der „Lebensgeschichte“ Jesu (von der Geburt über sein Wirken bis hin zum Tod und Nachleben) und analysiert sie schließlich. Dabei werden die Texte in den Kontext zu anderen Schriften wie dem palästinensischen Talmut, den fünf Büchern Mose (Torah) und den Evangelien gesetzt. Schäfer zeigt, dass Jesus in diesen Texten des babylonischen Talmuds durchgehend negativ dargestellt wird. Insgesamt entsteht so ein bewusstes Gegenbild zum Neuen Testament:

  • Geburt: Die jungfräuliche Geburt wird verspottet. Jesu Mutter, eine Frau mit langen Haaren namens Miriam, wird als treulose Ehefrau bzw. Hure dargestellt, und Jesu Vater sei ein Mann namens Panthera bzw. Pandera gewesen (möglicherweise ein römischer Soldat). Auf Seite 98 verweist Schäfer explizit auf die Rückwärts-Verdrehung der Buchstaben „r“, „th“ und „n“ des Wortes parthenos (Jungfrau) zu pantheros (Panther).
  • Persönlichkeit: Jesus wird nicht als Messias oder Gottessohn, sondern als moralisch schlechter Mensch und Götzendiener dargestellt, der seine Sexualität freizügig auslebt.
  • Wirken: Seine Wunder und Fähigkeiten als Heiler werden – ebenso wie die seiner Jünger – anerkannt, aber als Täuschung und/oder Magie interpretiert.
  • Tod: Jesus wird gesteinigt und dann gehängt. Seine Verurteilung durch jüdische Richter wird nicht nur nicht geleugnet, sondern als gerechte Strafe für die Ausübung von Zauberei und Blasphemie dargestellt. Instone-Brewer [6] argumentiert sogar dafür, dass diese beiden Anschuldigungen tatsächlich auch den historischen Fakten entsprechen.
  • Nachleben: Statt Auferstehung wird seine Bestrafung in der Hölle betont, wo er auf alle Ewigkeit in kochenden Exkrementen verbrennt. In der entsprechenden Passage wird Jesus zusammen mit zwei anderen Erzfeinden Israels erwähnt: Titus, der als Feldherr im Jahr 70 n. Chr. den zweiten Tempel in Jerusalem zerstören lies, und Balaam (Bileam), der heidnische Prophet, der vom König von Moab beauftragt wurde, Israel zu verfluchen, was Gott aber dreimal in einen Segen umwandelte (Num 23-24 [7]).

Eine Kernaussage Schäfers ist, dass die Rabbiner offenbar christliche Überlieferungen kannten, insbesondere das Evangelium des Johannes. Das Johannesevangelium ist das „judenfeindlichste“ der vier Evangelien der Bibel (siehe z.B. Joh 8:30-47, wo Jesus im Streitgespräch mit den Juden argumentiert, diese würden vom Teufel abstammen). Die Jesus-Passagen im Talmud spiegeln die Leitmotive der Evangelien in umgekehrter Form wider:

  • Die Auferstehung wird geleugnet; stattdessen muss Jesus in der Hölle in Exkrementen verbrennen
  • Anstelle seiner göttlichen Herkunft und Geburt durch die Jungfrau Maria entspringt Jesus einer unehelichen Geburt
  • Anstelle des heiligen Lehrers wird Jesus als falscher Prophet, Götzenanbeter und Zauberer dargestellt

Diese Texte sind daher polemische „Gegen-Erzählungen“, nicht zufällige Legenden. Zur Erklärung, warum Jesus insbesondere im babylonischen Talmud so schlecht gemacht wird, betont Schäfer die kulturellen Hintergründe der Entstehungsgeschichten der beiden Talmud-Versionen. Der babylonische Talmud entstand im Perserreich, welches damals als Staatsreligion den Zoroastrismus (auch Zarathustrismus genannt) hatte. Dort wurden Christen stärker unterdrückt als Juden, so dass die relativ freie jüdische Gelehrtenkultur offene Kritik am Christentum üben konnte, ohne Angst vor Bestrafung haben zu müssen. Palästina dagegen stand ab 324 n. Chr. unter christlicher Herrschaft von Kaiser Konstantin, so dass im palästinischen Talmud viel weniger Jesus-Passagen und direkte Angriffe auf Jesus zu finden sind. Zudem wurden im Mittelalter, wie bereits erwähnt, viele Jesus betreffende Stellen im babylonischen Talmud durch die von der katholischen Kirche auferlegte Zensur entfernt oder verändert, was ihre Rekonstruktion erschwert – dennoch argumentiert Schäfer anhand der erhaltenen unzensierten Textfragmente dafür, dass die allerersten Versionen des Talmud bereits mehrere Verweise auf das Leben und Wirken Jesu enthielten.

Das zentrale Fazit Schäfers lautet, dass der Talmud keine verlässlichen historischen Informationen über Jesus liefert, worauf auch schon Bernhard Pick 1910 hingewiesen hat [5]. Vielmehr spiegelt der Talmud wider, wie jüdische Gelehrte das Christentum wahrnahmen und sich intellektuell dagegen abgrenzten. Das macht Schäfer’s Buch zu einer sehr interessanten Lektüre nicht nur für Religionswissenschaftler, sondern für jeden Christen oder spirituellen Menschen, der sich für die Person Jesus interessiert (und damit auch Muslime, welche Jesus als Propheten sehr hoch schätzen [8]). Die einzelnen Kapitel des Buches lassen sich zügig lesen und sind mit ein bisschen Bibelwissen und kleiner Begriffsrecherche auch für Laien (wie ich einer bin) verständlich. Es existiert auch eine deutsche Ausgabe im Mohr Siebeck Verlag [9]. Für mich machte die Lektüre deutlich, dass das Christentum und Judentum grundsätzlich nicht vereinbar sind. Die Verhöhnung der Person Jesus im Talmud ist der klare Versuch einer Spaltung durch die damalige jüdische Elite und basiert nicht zuletzt darauf, dass dieser die Lehren des alten Testaments und seines rachsüchtigen, rassistischen Gottes komplett auf den Kopf stellte, indem er Demut, Nächstenliebe und Vergebung gegenüber allen Menschen predigte.

Schäfer’s Analyse wirft natürlich auch die Frage auf, wie heutige jüdische Führungspersönlichkeiten die christlich geprägte westliche Welt sehen. Schließlich wird der Talmud auch heute von orthodoxen israelischen Politikern für bare Münze genommen und prägt durch deren Einfluss Israels Politik. Die Beantwortung dieser Frage lass ich offen, aber die aktuellen politischen Geschehnisse deuten an, dass viele politische Führer mit ihrer Denkweise in Antike und Mittelalter stecken geblieben sind.

Quellenangaben

[1]      Mikliszanski JK. Review: The Talmud in the Making. Jewish Q Rev 1945; 35: 437–444

[2]      Lieberman S. The Talmud. Yale University Library 2001; Im Internet: https://web.library.yale.edu/cataloging/hebraica/about-judaic-texts; Stand: 08.04.2026

[3]      Goldstone M. The Babylonian Talmud in its cultural context. Relig Compass 2019; 13: e12317. doi:10.1111/REC3.12317

[4]      Schäfer P. Jesus in the Talmud. 1. Aufl. Princeton, New Jersey: Princeton University Press; 2007

[5]      Pick B. The personality of Jesus in the Talmud. Monist 1910; 20: 4–32

[6]      Instone-Brewer D. Jesus of Nazareth’s trial in the uncensored Talmud. Tyndale Bull 2011; 62: 269–294

[7]      Die Bibel. Augsburg: Verlagsgruppe Weltbild GmbH; 2005

[8]      Djaballah A. Jesus in Islam. South Baptist J Theol 2004; 8: 14–30

[9]      Schäfer P. Jesus im Talmud. 3. Aufl. Tübingen: Mohr Siebeck; 2017

 

Comments to my realist review on ketogenic diets for cancer patients

Recently, I had the honor to correspond with Dr. Prasanta Bandyopadhyay about my realist review of ketogenic diets (KDs) for cancer patients (Beneficial effects of KDs for cancer patients (Klement 2017)). Dr. Bandyopadhyay is a professor of Philosophy in the Department of History, Philosophy, and Religious Studies at Montana State University, USA (check out his homepage here). Together with Gordon Brittan Jr. and Mark L. Taper he has written one of the most inspiring books I have recently read: Belief, Evidence and Uncertainty – Problems of Epistemic Inference. In my review, I had taken the concepts of evidence and confirmation developed in this book to summarize the available evidence for any putative anti-tumor effects of KDs in cancer patients and whether we should believe that such effects are “real” (in the sense of occurring in real world settings). Continue reading

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