{"id":821,"date":"2020-02-09T21:31:45","date_gmt":"2020-02-09T19:31:45","guid":{"rendered":"http:\/\/rainerklement.com\/?p=821"},"modified":"2020-02-09T21:35:52","modified_gmt":"2020-02-09T19:35:52","slug":"ernaehrung-emotionen-und-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rainerklement.com\/en\/archive\/821","title":{"rendered":"Ern\u00e4hrung, Emotionen und Politik"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align:left\">Am Mittwoch, den 29. Januar, war ich als Referent eingeladen, beim\nj\u00e4hrlichen \u201eUpdate Mammakarzinom\u201c, das von Prof. Dr. Weigel im Leopoldina\nKrankenhaus veranstaltet wird, \u00fcber das Thema \u201eKetogene Ern\u00e4hrung unter\nTumortherapie?!\u201c vorzutragen. Eigentlich nichts besonderes, immerhin habe ich\ndar\u00fcber schon oft geredet und kann die meisten Studien aus dem Ged\u00e4chtnis\nzitieren. Besonders war allerdings die Tatsache, dass viele meiner\nArbeitskolleginnen und -kollegen und nat\u00fcrlich auch viele \u00c4rzte unseres\nKrankenhauses und der Umgebung anwesend waren, und ich darin eine Chance sah, mehr\nInteresse an der ketogenen Ern\u00e4hrung als komplement\u00e4re Tumortherapie und der\ndahinter steckenden Physiologie zu wecken. Doch es sollte tats\u00e4chlich ein\nbesonderer Vortrag werden, der vielen noch lange im Ged\u00e4chtnis bleiben wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Ziel war, eine allgemeine Einf\u00fchrung in das Thema zu geben, ein paar Synergieeffekte mit Strahlen-, Chemo und zielgerichteten Therapien zu zeigen und unsere eigenen Zwischenergebnisse aus der KETOCOMP Studie vorzustellen. Der Vortrag kann <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"hier (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"http:\/\/rainerklement.com\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Vortrag-Rainer-Klement-Keto-bei-Brustkrebs.pdf\" target=\"_blank\">hier<\/a> heruntergeladen werden. Schon w\u00e4hrend dem Vortrag entstand im Saal vor allem in den hinteren Reihen ein Getuschel, das ich w\u00e4hrend dem Reden als gar nicht so stark wahrnahm, das aber nach sp\u00e4terer Aussage meiner Arbeitskollegen fast schon unversch\u00e4mt laut war. Ich wei\u00df nur noch, dass das Getuschel laut wurde, als ich Wilhelm Br\u00fcnings\u2018 historische Studie [1] zur \u201ekohlenhydratfreien Ern\u00e4hrung\u201c kombiniert mit hohen Insulingaben aus dem Jahr 1941\/42 vorstellte. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach einem wissenschaftlichen Vortrag ist es normalerweise \u00fcblich, dass man\nein paar Fragen aus dem Publikum zul\u00e4sst und kurz \u00fcber die dargestellten Daten\nund Hypothesen diskutiert. Ich freute mich schon auf Fragen, doch es kamen\nkeine; stattdessen gingen einige sofort zum Angriff \u00fcber. Ein Arzt am\nLeopoldina behauptete, er habe fr\u00fcher in W\u00fcrzburg zusammen mit Ulrike K\u00e4mmerer\ngearbeitet und beide h\u00e4tten sehr fr\u00fch die Idee einer ketogenen Ern\u00e4hrung f\u00fcr\nTumorpatienten fallen gelassen. Leider ein Eigentor, denn ich erwiderte, dass\nich mit Ulrike befreundet sei und deshalb w\u00fcsste, dass sie sehr wohl noch an\nder ketogenen Ern\u00e4hrung forscht. Die n\u00e4chste Attacke kam von einem Onkologen im\nRuhestand, der zuerst einmal ausf\u00fchrlcih darstellte, wie lange er als Onkologe\ngearbeitet hatte und dass er neben dem Dr. med. auch ein Biochemiestudium\nabsolviert hatte. Mir war klar: Alles was jetzt kommt muss der Wahrheit\nentsprechen, denn wie kann sich jemand, der Arzt und Biochemiker zugleich ist,\nirren? Das ist das Prinzip der Eminence-based Medicine! Und so spulte er \u2013\n\u00fcbrigens auch Schweinfurter Lokalpolitiker \u2013 einen f\u00fcnfmin\u00fctigen Monolog ab,\nder im wesentlichen aus f\u00fcnf Kritikpunkten bestand, aber vom Stil her eher an\neine Parteienwahlkampfrede auf dem Marktplatz, nicht aber einen wissenschaftlichen\nDisput erinnerte. Unter anderem kritisierte er das Ergebnis einer relativ neuen\niranischen Studie [2], die ich vorgestellt hatte, welche einen\n\u00dcberlebensvorteil von neoadjuvant mit Chemotherapie behandelten und sich dabei\nketogen ern\u00e4hrenden Frauen zeigen konnte <a href=\"https:\/\/perfect-seo.de\/download-putty.html\">putty download<\/a> , als \u201enicht signifikant\u201c, obwohl die\nKaplan-Meier Kurven mit p=0,04 nominell signifikant verschieden waren. Auch\nstritt er jegliche Relevanz von pr\u00e4klinischen Studien und Einzelfallberichten f\u00fcr\ndie Klinik ab, und behauptete, die ketogene Ern\u00e4hrung w\u00fcrde Patienten\naushungern ohne aber den Tumor aushungern zu k\u00f6nnen, da man ihm nie die Glukose\nentziehen k\u00f6nne. Ich hatte \u00fcbrigens mit keinem Wort behauptet, dass das Ziel\neiner ketogenen Ern\u00e4hrung das Aushungern des Tumors sei. Schlie\u00dflich das\nArgument, es gebe keine Evidenz f\u00fcr die ketogene Ern\u00e4hrung bei Krebs\n(inzwischen mein Lieblingsargument, zu dem ich bereits einige Leserbriefe und\nArbeiten verfasst habe [3\u20135]). Ich fragte ihn, welche Ern\u00e4hrung er\ndenn Patienten empfehlen w\u00fcrde, worauf die Standard-Antwort (ich h\u00e4tte mir die\nFrage auch sparen k\u00f6nnen) \u201eeine ausgewogene Ern\u00e4hrung\u201c kam. Ich fragte, welche\nStudie denn Evidenz zu Gunsten einer \u201eausgewogenen Ern\u00e4hrung\u201c geschaffen h\u00e4tte,\ndoch dann meldete sich schon die n\u00e4chste Stimme aus dem Publikum zu Wort: Eine\nKrankenschwester, die \u2013 ebenfalls in einem knapp f\u00fcnfmin\u00fctigen, sehr\nemotionalen Monolog \u2013 ihre Erfahrung mit kachektischen palliativen\nKrebspatienten wiedergab. Diesen hatte offenbar eine selbst verordnete ketogene\nErn\u00e4hrung nicht mehr geholfen, obwohl sie sich \u201ejedes St\u00fcck Sahnetorte\u201c\nverkniffen hatten und damit ihrer Meinung nach auch das letzte St\u00fcckchen\nLebensqualit\u00e4t aufgegeben hatten. Ich erwiderte, es gebe eben gerade bei\nkachektischen Patienten einen \u201epoint of no return\u201c, ab dem kein spezieller Ern\u00e4hrungsansatz\nden Krankheitsverlauf mehr umkehren k\u00f6nne, und dass mein Vortrag vor allem um\ndie ketogene Di\u00e4t als komplement\u00e4rer Ansatz bei kurativem Behandlungsziel ging.\nSchlie\u00dflich kam noch von irgendjemand der Vorwurf, das Internet w\u00fcrde Patienten\nfalsch \u00fcber sogenannte \u201eKrebsdi\u00e4ten\u201c informieren und auf eigene Faust\ndurchgef\u00fchrte ketogene Di\u00e4ten in einer Mangelern\u00e4hrung enden. Ich konnte\nerwidern, Falschinformation im Internet sei heute ein allgemeines Problem, das\nnichts mit der ketogenen Ern\u00e4hrung an sich zu tun hat. Schlie\u00dflich war ich\nfroh, als mein Chefarzt Reinhart Sweeney das Wort ergriff und zur M\u00e4\u00dfigung\naufrief. Er stellte heraus, wie wichtig vor allem unsere KETOCOMP Studie f\u00fcr\ndas Leopoldina Krankenhaus sei, da das Darm- und Brustzentrum auch von der\nAnzahl unserer Studienpatienten profitiere (als zertifiziertes Zentrum sollte\nman Studien durchf\u00fchren) und da wir weltweit eines der gr\u00f6\u00dften Kollektive von\nsich ketogen ern\u00e4hrenden Patienten h\u00e4tten. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Vortrag kamen einige Zuh\u00f6rer zu mir, die sich sehr positiv\n\u00e4u\u00dferten. Im Ged\u00e4chtnis geblieben ist mir ein Pharma-Vertreter, dessen Sohn\nerfolgreich mit ketogener Ern\u00e4hrung eine starke Colitis Ulcerosa in Schach\nh\u00e4lt. F\u00fcr diesen Mann war klar, dass auch Einzelf\u00e4lle z\u00e4hlen. Andere\nbeschwerten sich \u00fcber die aggressiven Kommentare aus dem Publikum. Beim\nanschlie\u00dfenden Essen stand ich dann irgendwann neben dem Herrn\nLokalpolitiker-Arzt-Biochemiker, der allerdings selbst im pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4ch\nhartn\u00e4ckig blieb. Er hatte ein gro\u00dfes Problem damit, vor dem Vortrag nichts von\nunserer Studie gewusst zu haben. Den Vogel schoss er dann mit seiner Behauptung\nab, Patientinnen w\u00fcrden unter ketogener Ern\u00e4hrung eine Ketoazidose entwickeln.\nDoch es kam noch schlimmer: Im Nachgang erfuhr ich, dass er sich dar\u00fcber\nmokierte, ich h\u00e4tte eine \u201eKZ-Studie\u201c vorgestellt. Ein eindeutiger Beleg, dass\ner sich nicht einmal bem\u00fcht hat, etwas \u00fcber Wilhelm Br\u00fcnings und dessen Studie\naus dem Jahr 1941 nachzulesen. Diese fand in Br\u00fcnings\u2018 Privatklinik statt, und\nletzterer betont explizit die Wichtigkeit der ausreichenden Kalorienzahl f\u00fcr\nseine Patienten (wie man im Original [1] oder in meinem \u00dcbersichtsartikel dazu\nnachlesen kann [6]).<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt war dieser Abend das beste Beispiel f\u00fcr den fundamentalistischen\nCharakter eines Keto-Skeptizismus, den man \u2013 wenn auch etwas abgeschw\u00e4cht \u2013\nauch in der Fachliteratur finden kann. Der fundamentalistische Skeptizismus\nargumentiert gegen eine ketogene Ern\u00e4hrung bei Tumorpatienten anhand von\nBehauptungen, die nicht mit Daten belegt werden k\u00f6nnen. Das angebliche\nHerbeif\u00fchren einer Ketoazidose bei nicht-Typ I Diabetikern, die Notwendigkeit\neiner gewissen Menge an Kohlenhydraten in der Ern\u00e4hrung oder das Herbeif\u00fchren\neines kachektischen Zustandes sind Beispiele daf\u00fcr. In einem aktuellen systematischen\n\u00dcbersichtsartikel, den ich zusammen mit meiner Masterstudentin Nanina Brehm und\nReinhart Sweeney geschrieben habe, \u00e4u\u00dfern wir uns zu diesem\nfundamentalistischen Skeptizismus und zeigen anhand der Daten dass er nicht\nbegr\u00fcndbar ist [7].<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz aktuell berichtet die Diplom-Psychologin Ilona B\u00fcrgel von einem\n\u00e4hnlichen Erlebnis, als sie nach einem Vortrag auf dem europ\u00e4ischen Kongress\nf\u00fcr positive Psychologie heftig von einer Professorin attackiert wurde [8]. Auch sie hatte in diesem Moment kaum\neine Chance, Dinge mit Argumenten richtig zu stellen. Doch auch sie nimmt aus\ndiesem Erlebnis viel positives mit: Die Zufriedenheit dar\u00fcber, gut vorbereitet\ngewesen zu sein und im Rahmen der nicht erwarteten heftigen Reaktion gut\nreagiert zu haben sowie die Verbundenheit mit den Menschen, die nach dem\nVortrag positives Feedback gegeben haben. Das kann ich nur best\u00e4tigen und noch\nhinzuf\u00fcgen, dass mich dieses Ereignis umso mehr motiviert, weiter an dem Thema\nketogene Ern\u00e4hrung f\u00fcr Tumorpatienten zu forschen, damit wir uns bei k\u00fcnftigen\nDiskussionen noch besser auf Daten st\u00fctzen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>[1]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Br\u00fcnings W. Beitr\u00e4ge zum Krebsproblem.\n1. Mitteilung: Ueber eine di\u00e4tetisch-hormonale Beeinflussung des Krebses.\nM\u00fcnchener Medizinische Wochenschrift 1941;88:117\u201323.<\/p>\n\n\n\n<p>[2]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Khodabakhshi A, Akbari ME, Mirzaei HR,\nMehrad-Majd H, Kalamian M, Davoodi SH. Feasibility, Safety, and Beneficial\nEffects of MCT-Based Ketogenic Diet for Breast Cancer Treatment: A Randomized\nControlled Trial Study. Nutr Cancer 2019;0:1\u20138.\ndoi:10.1080\/01635581.2019.1650942.<\/p>\n\n\n\n<p>[3]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Klement RJ. Erheblicher Schaden f\u00fcr den\nPatienten durch Kohlenhydaratarme Ern\u00e4hrung. Wo ist die Evidenz? Leserbrief zum\nBeitrag \u201cKrebsdi\u00e4ten\u201d, FORUM 2014.29;400-404. <\/p>\n\n\n\n<p>[4]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Klement RJ. Beneficial effects of\nketogenic diets for cancer patients: a realist review with focus on evidence\nand confirmation. Med Oncol 2017;34:132. doi:10.1007\/s12032-017-0991-5.<\/p>\n\n\n\n<p>[5]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Klement RJ. Ungerechtfertigte\nEmpfehlungen zur ketogenen Di\u00e4t. Urologe 2018;57:605\u20136.\ndoi:10.1007\/s00120-018-0632-4.<\/p>\n\n\n\n<p>[6]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Klement RJ. Wilhelm Br\u00fcnings\u2019 forgotten\ncontribution to the metabolic treatment of cancer utilizing hypoglycemia and a\nvery low carbohydrate (ketogenic) diet. J Tradit Complement Med 2019;9:192\u2013200.\ndoi:10.1016\/j.jtcme.2018.06.002.<\/p>\n\n\n\n<p>[7]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Klement RJ, Brehm N, Sweeney RA.\nKetogenic diets in medical oncology: a systematic review with focus on clinical\noutcomes. Med Oncol 2020;37:14. doi:10.1007\/s12032-020-1337-2.<\/p>\n\n\n\n<p>[8]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; B\u00fcrgel I. Vom Nutzen ungerechtfertigter\nKritik. MTA Dialog 2020;21:110\u20131.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Mittwoch, den 29. Januar, war ich als Referent eingeladen, beim j\u00e4hrlichen \u201eUpdate Mammakarzinom\u201c, das von Prof. Dr. Weigel im Leopoldina Krankenhaus veranstaltet wird, \u00fcber das Thema \u201eKetogene Ern\u00e4hrung unter Tumortherapie?!\u201c vorzutragen. Eigentlich nichts besonderes, immerhin habe ich dar\u00fcber schon oft geredet und kann die meisten Studien aus dem Ged\u00e4chtnis zitieren. 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