{"id":1705,"date":"2026-04-10T15:06:35","date_gmt":"2026-04-10T13:06:35","guid":{"rendered":"https:\/\/rainerklement.com\/?p=1705"},"modified":"2026-04-21T09:54:13","modified_gmt":"2026-04-21T07:54:13","slug":"buchrezension-jesus-in-the-talmud-von-peter-schaefer-princeton-university-press-2007-210-seiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rainerklement.com\/en\/archive\/1705","title":{"rendered":"Buchrezension: \u201eJesus in the Talmud\u201c von Peter Sch\u00e4fer (Princeton University Press 2007, 210 Seiten)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1706 alignleft\" src=\"http:\/\/rainerklement.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Jesus-in-the-Talmud.jpg\" alt=\"\" width=\"183\" height=\"275\" srcset=\"https:\/\/rainerklement.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Jesus-in-the-Talmud.jpg 183w, https:\/\/rainerklement.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Jesus-in-the-Talmud-100x150.jpg 100w, https:\/\/rainerklement.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Jesus-in-the-Talmud-8x12.jpg 8w\" sizes=\"auto, (max-width: 183px) 100vw, 183px\" \/>Der Talmud ist die Grundlage f\u00fcr das j\u00fcdische Religions- und Zivilrecht und entstand zwischen dem dritten und sechsten Jahrhundert der heutigen Zeitrechnung als Sammlung von teils wesentlich \u00e4lteren m\u00fcndlich \u00fcberlieferten Gesetzesregeln (der sogenannten <em>Mischna<\/em>) und deren Auslegung in Kommentaren (der sogenannten <em>Gemara<\/em>) [1]. Streng genommen gibt es nicht den einen Talmud, sondern zwei Versionen: eine Sammlung aus Pal\u00e4stina bzw. Jerusalem und eine aus dem alten Persien (Babylon), die beide dieselbe Mischna, aber jede ihre eigene Gemara enthalten. Der babylonische Talmud, auch als <em>Bavli<\/em> bezeichnet, hat eine gr\u00f6\u00dfere Bedeutung, da die rabbinischen Akademien in Persien wesentlich l\u00e4nger Bestand und Einfluss hatten als die in Pal\u00e4stina, doch auch der babylonische Talmud erfuhr \u00fcber die Jahrhunderte signifikante Ver\u00e4nderungen in Form von Erg\u00e4nzungen und Streichungen [2]. Entsprechend der r\u00e4umlich-zeitlich ausgedehnten Entstehungszeit ist es nicht verwunderlich, dass die Inhalte des Talmud von verschiedenen kulturellen Einfl\u00fcssen wie der sp\u00e4tantiken griechisch-r\u00f6mischen, persischen, syrischen oder christlichen Literatur gepr\u00e4gt waren [3]. Aus christlicher Sicht ist insbesondere der Einfluss des aufstrebenden Christentums und der Evangelien auf die Inhalte des Talmud interessant.<\/p>\n<p>Das Buch \u201eJesus in the Talmud\u201c, geschrieben von dem deutschen Professor f\u00fcr Judaistik Dr. phil. Peter Sch\u00e4fer und 2007 von Princeton University Press ver\u00f6ffentlicht [4], untersucht systematisch die Stellen im Talmud, die sich (relativ) sicher oder m\u00f6glicherweise auf Jesus von Nazareth beziehen, und ordnet sie historisch sowie kulturell-literarisch ein. Sch\u00e4fer geht von der Beobachtung aus, dass im Talmud verstreute, oft schwer verst\u00e4ndliche und negativ gef\u00e4rbte Aussagen \u00fcber Jesus vorkommen. Ziel ist es, diese nicht isoliert, sondern im Kontext der j\u00fcdisch-christlichen Auseinandersetzung der Sp\u00e4tantike zu verstehen. Seine wichtigste These lautet dabei: Die talmudischen Jesus-Erz\u00e4hlungen sind keine historischen Berichte, sondern bewusste Gegenreaktionen auf das Christentum. Sie greifen Motive aus den Evangelien auf, verdrehen oder parodieren sie gezielt und dienen dazu, j\u00fcdische Positionen gegen christliche Anspr\u00fcche zu verteidigen.<\/p>\n<p>Methodisch st\u00fctzt sich Sch\u00e4fer vor allem auf verschiedene Ausgaben und Textfragmente des babylonischen Talmud, welche zwischen dem sp\u00e4ten 12. Jahrhundert und der zweiten H\u00e4lfte des 16. Jahrhunderts verfasst wurden. Leider fand ab dem 13. Jahrhundert durch den Druck der katholischen Kirche eine starke Zensur des Talmuds statt, welcher viele Jesus-Passagen zum Opfer fielen (wie Bernhard Pick in einem Aufsatz aus dem Jahr 1910 erw\u00e4hnt, wurden diese Passagen dann trotzdem in separaten Schriftst\u00fccken anonym weiter publiziert [5]). Sch\u00e4fer \u00fcbersetzt die einzelnen Passagen aus dem Original teilweise selbst, zieht Vergleiche zwischen den unterschiedlichen Talmud-Versionen, ordnet sie thematisch entlang der \u201eLebensgeschichte\u201c Jesu (von der Geburt \u00fcber sein Wirken bis hin zum Tod und Nachleben) und analysiert sie schlie\u00dflich. Dabei werden die Texte in den Kontext zu anderen Schriften wie dem pal\u00e4stinensischen Talmut, den f\u00fcnf B\u00fcchern Mose (Torah) und den Evangelien gesetzt. Sch\u00e4fer zeigt, dass Jesus in diesen Texten des babylonischen Talmuds durchgehend negativ dargestellt wird. Insgesamt entsteht so ein bewusstes Gegenbild zum Neuen Testament:<\/p>\n<ul>\n<li>Geburt: Die jungfr\u00e4uliche Geburt wird verspottet. Jesu Mutter, eine Frau mit langen Haaren namens Miriam, wird als treulose Ehefrau bzw. Hure dargestellt, und Jesu Vater sei ein Mann namens Panthera bzw. Pandera gewesen (m\u00f6glicherweise ein r\u00f6mischer Soldat). Auf Seite 98 verweist Sch\u00e4fer explizit auf die R\u00fcckw\u00e4rts-Verdrehung der Buchstaben \u201er\u201c, \u201eth\u201c und \u201en\u201c&nbsp;des Wortes <em>parthenos<\/em> (Jungfrau) zu pantheros (Panther).<\/li>\n<li>Pers\u00f6nlichkeit: Jesus wird nicht als Messias oder Gottessohn, sondern als moralisch schlechter Mensch und G\u00f6tzendiener dargestellt, der seine Sexualit\u00e4t freiz\u00fcgig auslebt.<\/li>\n<li>Wirken: Seine Wunder und F\u00e4higkeiten als Heiler werden \u2013 ebenso wie die seiner J\u00fcnger \u2013 anerkannt, aber als T\u00e4uschung und\/oder Magie interpretiert.<\/li>\n<li>Tod: Jesus wird gesteinigt und dann geh\u00e4ngt. Seine Verurteilung durch j\u00fcdische Richter wird nicht nur nicht geleugnet, sondern als gerechte Strafe f\u00fcr die Aus\u00fcbung von Zauberei und Blasphemie dargestellt. Instone-Brewer [6] argumentiert sogar daf\u00fcr, dass diese beiden Anschuldigungen tats\u00e4chlich auch den historischen Fakten entsprechen.<\/li>\n<li>Nachleben: Statt Auferstehung wird seine Bestrafung in der H\u00f6lle betont, wo er auf alle Ewigkeit in kochenden Exkrementen verbrennt. In der entsprechenden Passage wird Jesus zusammen mit zwei anderen Erzfeinden Israels erw\u00e4hnt: Titus, der als Feldherr im Jahr 70 n. Chr. den zweiten Tempel in Jerusalem zerst\u00f6ren lies, und Balaam (Bileam), der heidnische Prophet, der vom K\u00f6nig von Moab beauftragt wurde, Israel zu verfluchen, was Gott aber dreimal in einen Segen umwandelte (Num 23-24 [7]).<\/li>\n<\/ul>\n<p>Eine Kernaussage Sch\u00e4fers ist, dass die Rabbiner offenbar christliche \u00dcberlieferungen kannten, insbesondere das Evangelium des Johannes. Das Johannesevangelium ist das \u201ejudenfeindlichste\u201c der vier Evangelien der Bibel (siehe z.B. Joh 8:30-47, wo Jesus im Streitgespr\u00e4ch mit den Juden argumentiert, diese w\u00fcrden vom Teufel abstammen). Die Jesus-Passagen im Talmud spiegeln die Leitmotive der Evangelien in umgekehrter Form wider:<\/p>\n<ul>\n<li>Die Auferstehung wird geleugnet; stattdessen muss Jesus in der H\u00f6lle in Exkrementen verbrennen<\/li>\n<li>Anstelle seiner g\u00f6ttlichen Herkunft und Geburt durch die Jungfrau Maria entspringt Jesus einer unehelichen Geburt<\/li>\n<li>Anstelle des heiligen Lehrers wird Jesus als falscher Prophet, G\u00f6tzenanbeter und Zauberer dargestellt<\/li>\n<\/ul>\n<p>Diese Texte sind daher polemische \u201eGegen-Erz\u00e4hlungen\u201c, nicht zuf\u00e4llige Legenden. Zur Erkl\u00e4rung, warum Jesus insbesondere im babylonischen Talmud so schlecht gemacht wird, betont Sch\u00e4fer die kulturellen Hintergr\u00fcnde der Entstehungsgeschichten der beiden Talmud-Versionen. Der babylonische Talmud entstand im Perserreich, welches damals als Staatsreligion den Zoroastrismus (auch Zarathustrismus genannt) hatte. Dort wurden Christen st\u00e4rker unterdr\u00fcckt als Juden, so dass die relativ freie j\u00fcdische Gelehrtenkultur offene Kritik am Christentum \u00fcben konnte, ohne Angst vor Bestrafung haben zu m\u00fcssen. Pal\u00e4stina dagegen stand ab 324 n. Chr. unter christlicher Herrschaft von Kaiser Konstantin, so dass im pal\u00e4stinischen Talmud viel weniger Jesus-Passagen und direkte Angriffe auf Jesus zu finden sind. Zudem wurden im Mittelalter, wie bereits erw\u00e4hnt, viele Jesus betreffende Stellen im babylonischen Talmud durch die von der katholischen Kirche auferlegte Zensur entfernt oder ver\u00e4ndert, was ihre Rekonstruktion erschwert \u2013 dennoch argumentiert Sch\u00e4fer anhand der erhaltenen unzensierten Textfragmente daf\u00fcr, dass&nbsp;die allerersten Versionen des Talmud bereits mehrere Verweise auf das Leben und Wirken Jesu enthielten.<\/p>\n<p>Das zentrale Fazit Sch\u00e4fers lautet, dass der Talmud keine verl\u00e4sslichen historischen Informationen \u00fcber Jesus liefert, worauf auch schon Bernhard Pick 1910 hingewiesen hat [5]. Vielmehr spiegelt der Talmud wider, wie j\u00fcdische Gelehrte das Christentum wahrnahmen und sich intellektuell dagegen abgrenzten.&nbsp;Das macht Sch\u00e4fer\u2019s Buch zu einer sehr interessanten Lekt\u00fcre nicht nur f\u00fcr Religionswissenschaftler, sondern f\u00fcr jeden Christen oder spirituellen Menschen, der sich f\u00fcr die Person Jesus interessiert (und damit auch Muslime, welche Jesus als Propheten sehr hoch sch\u00e4tzen [8]). Die einzelnen Kapitel des Buches lassen sich z\u00fcgig lesen und sind mit ein bisschen Bibelwissen und kleiner Begriffsrecherche auch f\u00fcr Laien (wie ich einer bin) verst\u00e4ndlich. Es existiert auch eine deutsche Ausgabe im Mohr Siebeck Verlag [9]. F\u00fcr mich machte die Lekt\u00fcre deutlich, dass das Christentum und Judentum grunds\u00e4tzlich nicht vereinbar sind. Die Verh\u00f6hnung der Person Jesus im Talmud ist der klare Versuch einer Spaltung durch die damalige j\u00fcdische Elite und basiert nicht zuletzt darauf, dass dieser die Lehren des alten Testaments und seines rachs\u00fcchtigen, rassistischen Gottes komplett auf den Kopf stellte, indem er Demut, N\u00e4chstenliebe und Vergebung gegen\u00fcber <em>allen Menschen<\/em> predigte.<\/p>\n<p>Sch\u00e4fer\u2019s Analyse wirft nat\u00fcrlich auch die Frage auf, wie heutige j\u00fcdische F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten die christlich gepr\u00e4gte westliche Welt sehen. Schlie\u00dflich wird der Talmud auch heute von orthodoxen israelischen Politikern f\u00fcr bare M\u00fcnze genommen und pr\u00e4gt durch deren Einfluss Israels Politik. Die Beantwortung dieser Frage lass ich offen, aber die aktuellen politischen Geschehnisse deuten an, dass viele politische F\u00fchrer mit ihrer Denkweise in Antike und Mittelalter stecken geblieben sind.<\/p>\n<h3><strong><em>Quellenangaben<\/em><\/strong><\/h3>\n<p>[1]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Mikliszanski JK. Review: The Talmud in the Making. Jewish Q Rev 1945; 35: 437\u2013444<\/p>\n<p>[2]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Lieberman S. The Talmud. Yale University Library 2001; Im Internet: https:\/\/web.library.yale.edu\/cataloging\/hebraica\/about-judaic-texts; Stand: 08.04.2026<\/p>\n<p>[3]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Goldstone M. The Babylonian Talmud in its cultural context. Relig Compass 2019; 13: e12317. doi:10.1111\/REC3.12317<\/p>\n<p>[4]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Sch\u00e4fer P. Jesus in the Talmud. 1. Aufl. Princeton, New Jersey: Princeton University Press; 2007<\/p>\n<p>[5]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Pick B. The personality of Jesus in the Talmud. Monist 1910; 20: 4\u201332<\/p>\n<p>[6]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Instone-Brewer D. Jesus of Nazareth\u2019s trial in the uncensored Talmud. Tyndale Bull 2011; 62: 269\u2013294<\/p>\n<p>[7]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Die Bibel. Augsburg: Verlagsgruppe Weltbild GmbH; 2005<\/p>\n<p>[8]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Djaballah A. Jesus in Islam. South Baptist J Theol 2004; 8: 14\u201330<\/p>\n<p>[9]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Sch\u00e4fer P. Jesus im Talmud. 3. Aufl. T\u00fcbingen: Mohr Siebeck; 2017<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Talmud ist die Grundlage f\u00fcr das j\u00fcdische Religions- und Zivilrecht und entstand zwischen dem dritten und sechsten Jahrhundert der heutigen Zeitrechnung als Sammlung von teils wesentlich \u00e4lteren m\u00fcndlich \u00fcberlieferten Gesetzesregeln (der sogenannten Mischna) und deren Auslegung in Kommentaren (der sogenannten Gemara) [1]. 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